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ernst busch - epigramme lyrics

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[songtext zu „epigramme“]

[teil i: vorwort]

[erich kästner]
unter dem titel „kurz und bündig“ habe ich eine sammlung eigener epigramme veröffentlicht und im vorwort dem bedauern ausdruck gegeben, dass das epigramm kaum noch existiert, dass kein epigramm mehr geschrieben wird und dass auch die älteren klassischen epigramme nicht mehr gelesen werden

was wird nun künstlerisch vom epigramm gefordert?
es muss der poetik gemäß zwei regeln erfüllen: es soll erwartung wecken und pointierend aufschluss geben
so hat es lessing formuliert und er hat es noch den größesten [sic!] meistern schwer angekreidet wenn und so oft sie das gesetz übertreten hatten
das war keine beckmesserei, dieses gesetz ist keine spitzfindigkeit der philologen, sondern es wohnt dem epigramm inne
erwartung und aufschluss also
ein beliebiges beispiel mag die doppelregel veranschaulichen:
und zwar ein vierzeiler dessen verfasser wohl kaum in den verdacht geraten wird theorien über das epigramm studiert zu haben. denn der vierzeiler steht in ungelenkten lettern auf einem tiroler marterl und ist in andenken an einen tödlich verunglückten holzknecht namens martin hofer gewidmet
die gewagte und erwartungweckende behauptung – also die erste hälfte dieses epigramms – lautet:

es ist nicht weit
zur ewigkeit

und die dem verweilenden wanderer aufschluss+erteilenden, wahrhaftig überraschenden beweiszeilen heißen:

um acht ging martin fort
um zehn uhr war er dort

ist die neigung sich an solchen kunstvollen, sinnreichsten kleinigkeiten, wie lessing sie genannt hat, an diesen witzigsten spielwerken, wie er sie taufte, zu freuen, tatsächlich dahin?
ist die künstlerische l+st sich in äußerster zucht, prägnanz und kürze auszudrücken wirklich erloschen? und das zu einer zeit da denen die lesen und denen die schreiben zucht und prägnanz nötiger wären denn je?
dass ein schiff eines tages nicht zurückkehrt ist schmerzlich, doch ein solcher verl+st gehört ins kalkül. was aber wäre von den leuten daheim, in sonderheit von den schiffseignern zu halten, die den verl+st überhaupt nicht bemerkten?
auf diese absurde frage gibt es keine befriedigende antwort, wohl aber gibt es einen vortrefflichen ausweg: lasst uns den verl+st endlich erkennen, beklagen und wett machen!
das epigramm ist tot – nun denn – es lebe das epigramm
[teil ii: epigramme]

[erich kästner]

[epigramm 1]
was auch geschieht

was auch immer geschieht
nie dürft ihr so tief sinken
von dem kakau, durch den man euch zieht
auch noch zu trinken

[epigramm 2]
sokrates zugeeignet

es ist schon so, die fragen sind es
aus denen das, was bleibt entsteht
denkt an die frage jenes kindes
was tut der wind, wenn er nicht weht

[epigramm 3]
eine feststellung

wir haben’s schwer, denn, wir wissen
nur ungefähr woher
jedoch die frommen wissen gar wohin wir kommen
wer glaubt weiß mehr
[epigramm 4]
der schöpferische irrtum

irrtümer haben ihren wert
jedoch nur hier und da
nicht jeder, der nach indien fährt
entdeckt amerika

[epigramm 5]
in memoriam memoriae

die erinnerung ist eine mysteriöse
macht und bildet die menschen um
wer das, was schön war vergisst wird böse
wer das, was schlimm war vergisst wird dumm

[epigramm 6]
die unzufriedene straßenbahn

sie hasste die gewohnte strecke
sprang aus dem schienenstrang heraus
und wollte endlich einmal geradeaus
statt um die ecke
ein unglück gab’s und keine reise
erinnert euch, bis ihr es wisst
wenn man als straßenbahn geboren ist
dann braucht man gleise
[epigramm 7]
reden ist silber

lernt, dass man still sein soll
wenn man im herzen groll hat
man nimmt den mund nicht voll
wenn man die schnauze voll hat

[epigramm 8]
damentoast im obstgarten

casanova sprach lächelnd zu seinen gästen:
„mit den frauen ist es, ich hoffe ihr wisst es
wie mit den äpfeln rings an den ästen
die schönsten schmecken nicht immer am besten“

[epigramm 9]
moral

es gibt nichts gutes
außer man tut es

[epigramm 10]
conditio sine qua non

seufzend schrieb ihr der poet:
„bist du heute guter dinge?
wenn ich wüsste wie dir es ginge
wüsste ich wie mir es geht“

[epigramm 11]
die junge dame vor’m sarggeschäft

täglich seh’ ich sie dort stehen bleiben und gebannt in jene scheiben starren
hinter denen unser tun und treiben nicht beachtend särge auf uns harren
täglich sehe ich wie ihr auge blitzt wenn sie in das fenster bl!ckt
was stimmt sie heiter?
sie prüft nur ob ihr hütchen sitzt
nichts weiter

[epigramm 12]
gehupft wie gesprungen aus den lehrsätzen des armen mannes

ob vom kölner dom, ob vom zirkuszelt
ob vom dach einer dampfwäscherei
für den arbeiter der herunterfällt
ist das völlig einerlei

[epigramm 13]
als die synagogen brannten

der junge sa+mann:
„wo steckt jehova nun, der nie verzeiht?
ist seine adresse unbekannt, verzogen?“
der alte jude:
„gibt’s einen gott, gibt’s auch gerechtigkeit
wenn’s keinen gibt, was braucht es synagogen“

[epigramm 14]
die kopflose stecknadel

köpfe abschlagen ist nicht sehr klug
die stecknadel der man den kopf abschlug
fand der kopf sei völlig entbehrlich
und war nun vorn und hinten gefährlich

[epigramm 15]
auch eine auskunft

ein mann, von dem ich wissen wollte
warum die menschen einander betrügen
sprach: „wenn ich die wahrheit sagen sollte
müsste ich lügen“

[epigramm 16]
zum neuen jahr

wird’s besser? wird’s schlimmer?
fragt man alljährlich
sei’n wir ehrlich
leben ist immer lebensgefährlich

[epigramm 17]
über gewisse schriftsteller

sie fahren das erlebte und erlernte nicht in die scheuern ein und nicht zur mühle
sie zeigen ihre felder statt der ernte, die noch am halmen wogende gefühle
und sagen zu den lesern stolz und fest:
„das wärs, nun fresst“

[epigramm 18]
der humor aus der großdeutschen kunstlehre

der humor ist regenschirm der weisen und insofern unsoldatisch
dass wir ihn trotzdem öffentlich preisen scheint problematisch
in praxis, gleichgültig, was wir meinen
denn, wir haben ja keinen

[epigramm 19]
mut zur trauer

sei traurig, wenn du traurig bist
und stehe nicht stets vor deiner seele posten
der kopf, der dir ans herz gewachsen ist
wird’s schon nicht kosten

[epigramm 20]
kopernikanisch charaktere gesucht

wenn der mensch aufrichtig bedächte
dass sich die erde atemlos dreht
dass er die tage, dass er die nächte
auf einer tanzenden kugel steht
dass er die hälfte des lebens gar mit dem kopf nach unten im weltall hängt
indes sich der globus berechenbar in den ewigen reigen der sterne mengt
wenn das der mensch von herzen bedächte
dann würde er so, wie kästner werden möchte



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